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HEXACO vs. MBTI: Was passiert, wenn man zwei Dimensionen hinzufügt?

Der MBTI erfasst vier Persönlichkeitsdimensionen. HEXACO erfasst sechs — darunter Ehrlichkeit-Bescheidenheit, ein Faktor, den weder MBTI noch die Big Five abbilden. Wie die Persönlichkeitsforschung von 4 auf 6 Dimensionen kam und was die Studien dazu sagen.

HEXACOMBTIPersönlichkeitsforschungVergleich

Was der MBTI misst

Der Myers-Briggs-Typenindikator wurde in den 1940er-Jahren von Katharine Briggs und Isabel Briggs Myers entwickelt — auf Grundlage von Carl Jungs Theorie der psychologischen Typen. Er ordnet die Persönlichkeit anhand von vier Dimensionen ein, die jeweils zwei Ausprägungen haben:

  • E oder I — Extraversion oder Introversion
  • S oder N — Sensorik oder iNtuition
  • T oder F — Thinking (Denken) oder Feeling (Fühlen)
  • J oder P — Judging (Beurteilen) oder Perceiving (Wahrnehmen)

Vier Dimensionen mit je zwei Optionen ergeben 2⁴ = 16 Persönlichkeitstypen. Das Modell wurde in Unternehmen, im Bildungsbereich und im Alltag enorm populär.

McCrae und Costa, zwei der meistzitierten Forscher in der Persönlichkeitspsychologie, konnten bestätigen, dass die vier MBTI-Dimensionen tatsächlich realen Persönlichkeitsmerkmalen entsprechen (McCrae & Costa, 1989). Die Merkmale sind echt. Die Frage war nur, ob vier Dimensionen ausreichen.

Von 4 auf 5: Die Big Five

In den 1980er-Jahren entstand ein anderer Ansatz. Statt von einer Theorie auszugehen, starteten Forscher bei der Sprache.

Die Überlegung — bekannt als lexikalische Hypothese — lautet: Wenn ein Persönlichkeitsmerkmal für Menschen wichtig ist, dann hat ihre Sprache auch Wörter dafür. Forscher sammelten Tausende Adjektive zur Persönlichkeitsbeschreibung, ließen Menschen sich selbst und andere damit bewerten und ermittelten per Faktorenanalyse die zugrundeliegende Struktur.

Im Englischen tauchten zuverlässig fünf Faktoren auf: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus — die Big Five (OCEAN). Dieses Modell wurde zum Standard in der akademischen Persönlichkeitspsychologie.

Von 5 auf 6: Die sprachübergreifende Entdeckung

Die Forscher Kibeom Lee und Michael Ashton wandten dieselbe lexikalische Methode auf sieben Sprachen an: Niederländisch, Französisch, Deutsch, Ungarisch, Italienisch, Koreanisch und Polnisch (Ashton et al., 2004).

Fünf Faktoren reichten nicht aus. Ein sechster Faktor zeigte sich durchgängig in allen sieben Sprachen: Ehrlichkeit-Bescheidenheit (Honesty-Humility).

Diese Dimension erfasst auf der einen Seite Aufrichtigkeit, Fairness, Bescheidenheit und die Abneigung gegenüber Gier — auf der anderen Seite Manipulation, Anspruchsdenken und Ausnutzung. Weder der MBTI noch die Big Five hatten einen eigenen Faktor dafür. In rein englischsprachigen Studien war er unsichtbar geblieben, trat aber deutlich hervor, sobald die Daten mehrere Sprachfamilien umfassten.

Lee und Ashton nannten das Sechs-Faktoren-Modell HEXACO:

  • H — Honesty-Humility (Ehrlichkeit-Bescheidenheit)
  • E — Emotionality (Emotionalität)
  • X — eXtraversion
  • A — Agreeableness (Verträglichkeit vs. Ärger)
  • C — Conscientiousness (Gewissenhaftigkeit)
  • O — Openness to Experience (Offenheit für Erfahrungen)

Was Ehrlichkeit-Bescheidenheit vorhersagt

Der sechste Faktor erwies sich als überraschend vorhersagekräftig für reales Verhalten:

  • Eine Metaanalyse zum Arbeitsplatzverhalten ergab, dass Ehrlichkeit-Bescheidenheit der stärkste einzelne Prädiktor für arbeitsplatzbezogenes Fehlverhalten ist (Diebstahl, Absentismus, Sabotage). HEXACO erklärte 32 % der Varianz bei solchem Fehlverhalten — gegenüber 19 % bei den Big Five (Pletzer et al., 2019).

  • Die sogenannte „Dunkle Triade" — Machiavellismus, Narzissmus und Psychopathie — korrelierte mit -0,95 mit Ehrlichkeit-Bescheidenheit (Lee & Ashton, 2014). Diese nahezu vollständige Überlappung bedeutet, dass Tausende Studien zur Dunklen Triade im Grunde den unteren Pol einer Dimension gemessen haben, die HEXACO bereits enthielt.

  • Auch Beziehungszufriedenheit, Einstellungen zu Korruption und statusorientiertes Konsumverhalten hängen mit dieser Dimension zusammen (Ashton & Lee, 2007).

Wie HEXACO bestehende Faktoren neu ordnet

HEXACO fügt nicht einfach einen sechsten Faktor hinzu. Es gruppiert auch einige Merkmale anders — basierend auf den sprachübergreifenden Daten.

Verträglichkeit wird aufgeteilt. In den Big Five bündelt „Verträglichkeit" recht unterschiedliche Tendenzen. HEXACO trennt sie (Ashton, Lee, & de Vries, 2014):

  • Ehrlichkeit-Bescheidenheit (H) — proaktive Fairness: andere nicht ausnutzen, auch wenn man könnte.
  • Verträglichkeit (A) — reaktive Toleranz: nicht zurückschlagen, wenn man ungerecht behandelt wird.

Das sind verschiedene Dinge. Jemand kann auf der einen Dimension hoch und auf der anderen niedrig abschneiden — grundehrlich, aber schnell gereizt. Oder umgänglich, aber bereit, Regeln zu eigenen Gunsten zu biegen.

Ärger wechselt die Kategorie. In den Big Five gehört Ärger zum Neurotizismus — zusammen mit Angst und Depression. Im HEXACO-Modell wandert Ärger ans untere Ende der Verträglichkeit. Die Logik: Ärger ist eine Vergeltungsreaktion, keine emotionale Verletzlichkeit. Der Emotionalitätsfaktor im HEXACO konzentriert sich stattdessen auf Bindung, Empathie und Sensibilität.

Im Vergleich

MBTIHEXACO
Dimensionen46
Persönlichkeitsprofile16 Typen64 Typen
Ehrlichkeit-BescheidenheitNicht erfasstKerndimension
GrundlageJungs Theorie (1920er)Sprachübergreifende Daten (2000er)
Primäre StärkeZugängliche SelbstreflexionVerhaltensvorhersage

MBTI und HEXACO dienen unterschiedlichen Zwecken. Der MBTI bietet ein einfaches, leicht vermittelbares Modell, um über Persönlichkeit nachzudenken. HEXACO ist ein Forschungsinstrument, das die Persönlichkeitsstruktur so umfassend abbilden soll, wie es der aktuelle Forschungsstand erlaubt.

64 Typen

Die sechs HEXACO-Dimensionen, jeweils als Hoch oder Niedrig eingestuft, ergeben 2⁶ = 64 Persönlichkeitstypen. Jeder Typ kombiniert alle sechs Dimensionen — zum Beispiel bildet ein Profil mit hoher Ehrlichkeit-Bescheidenheit, niedriger Emotionalität, hoher Extraversion, niedriger Verträglichkeit, hoher Gewissenhaftigkeit und hoher Offenheit einen bestimmten Typ mit eigenem Namen.

Die Typenbezeichnung fasst das Profil zusammen. Die einzelnen Werte — dargestellt als Netzdiagramm — liefern die Details. Zwei Menschen mit derselben Typenbezeichnung können sich in ihren einzelnen Dimensionswerten trotzdem deutlich unterscheiden.

Die Entwicklungslinie

Die Persönlichkeitsforschung hat einen klaren Weg zurückgelegt: Jungs klinische Beobachtungen in den 1920er-Jahren, der praktische Rahmen des MBTI in den 1940ern, die empirische Grundlage der Big Five in den 1980ern und die sprachübergreifende Erweiterung durch HEXACO in den 2000ern.

Jeder Schritt baute auf dem vorherigen auf. Der MBTI brachte Persönlichkeit in den Alltag. Die Big Five verankerten sie in Daten. HEXACO erweiterte die Landkarte um eine Dimension — Ehrlichkeit-Bescheidenheit —, die früheren Modellen entgangen war.


Quellen:

  • Ashton, M. C., Lee, K., Perugini, M., et al. (2004). A six-factor structure of personality-descriptive adjectives: Solutions from psycholexical studies in seven languages. Journal of Personality and Social Psychology, 86(2), 356–366.
  • Ashton, M. C., & Lee, K. (2007). Empirical, theoretical, and practical advantages of the HEXACO model. Personality and Social Psychology Review, 11(2), 150–166.
  • Ashton, M. C., Lee, K., & de Vries, R. E. (2014). The HEXACO Honesty-Humility, Agreeableness, and Emotionality factors. Personality and Social Psychology Review, 18(2), 139–152.
  • Lee, K., & Ashton, M. C. (2014). The Dark Triad, the Big Five, and the HEXACO model. Personality and Individual Differences, 67, 2–5.
  • McCrae, R. R., & Costa, P. T. (1989). Reinterpreting the Myers-Briggs Type Indicator from the perspective of the Five-Factor Model. Journal of Personality, 57(1), 17–40.
  • Pletzer, J. L., et al. (2019). A meta-analysis of the relations between personality and workplace deviance: Big Five versus HEXACO. Journal of Vocational Behavior, 112, 369–383.

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